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Thälmanns Brief an einen Mitgefangenen

35: Vitrine XXIX
Thälmanns Brief an einen Mitgefangenen

Ernst Thälmann wurde im August 1943 aus dem Gefängnis Hannover in das Zuchthaus Bautzen überführt. Auch hier blieb er in Einzelhaft. Anfang 1944 verfasste er seine Antwort auf Briefe eines jungen Mitgefangenen. Der umfangreiche Kassiber ist die letzte überlieferte Niederschrift Thälmanns und hat den Charakter eines politischen Testaments:

...Es gibt eine historische Wahrheit, das heißt eine notwendige Übereinstimmung der feststellbaren Tatsache mit ihrer Darstellung. Es gibt ein politisches Gewissen, welches fordert, dieser Wahrheit zu dienen. Die Wahrheit lässt sich auf die Dauer nicht verfälschen, es gibt nichts Unerbitterlicheres als die Tatsachen. Bedenke immer, dass unser Gewissen gut und rein ist; es ist nicht belastet gegenüber dem schaffenden deutschen Volke, zum Beispiel mit Kriegsverbrechen, imperialistischer Räuberpolitik, Tyrannei, Terror, Diktatur und Gewissenszwang, Unfreiheit und Willkür, Scheinsozialismus, faschistischen Rassentheorien, Rosenbergschen Philosophien, Arroganz, Hochmut, Prahlereien und sonstigen Dingen [...] Gewiss, wir sind auch keine reinen Unschuldsengel, die unbelastet und unbeschwert von allem dastehen. Auch wir haben in der Vergangenheit schwere und teilweise große politische Fehler gemacht, leider manches versäumt und unterlassen, was wir in dem verschlungenen Wirrwarr des Zeitgeschehens hätten tun müssen, um dem Faschismus den Weg zur Staatsmacht zu versperren. Wir haben unsere Fehler erkannt, durch Selbstkritik offen ausgesprochen, sie korrigiert und haben neue Wege auf dem Gebiet der Politik, der Propaganda und des Massenkampfes eingeschlagen. Da wir aber bis jetzt in Deutschland keine Vertreter in die Reichsregierung entsandt hatten und schon gar nicht als alleinige Staatspartei am Ruder waren, sind unsere Belastungen dem deutschen Volke gegenüber weniger schwer [...] Diese Tatsache und vieles andere, insbesondere aber unser unausgesetztes Opfer im Kampf gegen den Faschismus, sind und bleiben ein großes Plus für unsere Politik und haben uns Vertrauen gebracht. Der Größe eines politisch handelnden Menschen wird man nur dann ganz gerecht, wenn man ihn nicht allein danach beurteilt, was er erreicht, sondern auch danach, was er gewollt hat.


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